Lesen als soziale Negotiation
Rekonstruktion der Bibliothek von Sigmund Gossembrot (1417–1493) (Prototyp)

Ein Projekt des Schweizerischen Nationalfonds (2021–2025); Leitung: Prof. Dr. Michael Stolz (Universität Bern).

Verfügbare Beispiele

 

Kurzbeschreibung des Projekts

Sigmund Gossembrot (1417–1493) gilt als repräsentativer Förderer des Frühhumanismus im deutschsprachigen Südwesten. Nach einem Studium der Artes in Wien (1433–1436: Bakkalaureat) durchlief er in seiner Heimatstadt Augsburg eine erfolgreiche Ämterlaufbahn, ehe er sich ab 1461 in den Straßburger Konvent zum ‘Grünen Wörth’ zurückzog, um sich dort einem intensiven Studium der Bücher einer mitgeführten Privatbibliothek zu widmen. Von Gossembrots umfangreicher Büchersammlung zeugen heute noch knapp 40 vorwiegend an europäischen Standorten aufbewahrte Handschriften. Zahlreiche Notizen und Querverweise, die Gossembrot in seinen Codices angebracht hat, zeigen, dass der Bestand einst mindestens 100 weitere Handschriften und etwa ein halbes Dutzend Inkunabeln enthielt (Stand: Dezember 2021). Die umfangreiche Privatbibliothek umfasste neben antiker und spätantiker Literatur mittelalterliche theologische, philosophische und historiographische Schriften, Werke aus den Bereichen der Wissenschaft, Poetik und Dichtung sowie humanistische Literatur und Briefe. Letztere reflektieren das soziale Umfeld Gossembrots in Wien, Schwaben, Franken und am Oberrhein. Die in den Handschriften erhaltenen Notate geben Aufschluss über Gossembrots Kontakte zu Zeitgenossen wie Konrad Säldner oder Sigismund Meisterlin. Sie ermöglichen die Rekonstruktion eines interpersonellen und interinstitutionellen Netzwerks, über das Gossembrot bis hin zum Straßburger Aufenthalt an den intellektuellen Diskursen seiner Zeit partizipierte.

Das Projekt erarbeitet den Bestand von Gossembrots Bibliothek mithilfe digitaler Dokumentations- und Darstellungsverfahren. Auf diese Weise soll auch die Identifizierung weiterer zugehöriger Bände ermöglicht werden. Die Visualisierung und Analyse einschlägiger Lesespuren lässt historische Verfahren der Rezeption, des Ordnens und Verstehens von Wissen und Literatur erkennen. In seiner digitalen Ausrichtung und deren Reflexion trägt das Projekt zu einer «allgemeinen Theorie des neuen Literaturarchivs» (Franco Moretti) bei.

Projektmitarbeitende:

Elena Brandazza MA (Doktorandin)
Dr. Ioanna Georgiou (Post-Doc)
Prof. Dr. Michael Stolz (Leitung)

 

Publikationen zum Projekt (erhältlich über Boris):

Letzte Änderung: 7.12.2021.